|
Seit zehn Jahren Jazz im Keller unter der Hofapotheke
Den Birdland Jazzclub in Neuburg an der Donau gibt es schon seit fast 43 Jahren.
Die letzten zehn Jahre jedoch dürften die wichtigsten der Clubgeschichte sein.
Seit am 1.2.1991 das Dusko Gojkovich Quintet eine neue Ära des Clubs einläutete,
residiert das Birdland im Keller unter der Hofapotheke am Karlsplatz. Fast 500
Konzerte haben seitdem hier ihr Publikum gefunden.
Was ist es, das den Zauber des Birdland ausmacht? Warum ist dieser Club etwas
Besonderes? Woher erklärt es sich, dass ein Club in Neuburg Jahre überdauert,
während ambitionierte Projekte in Augsburg, München und anderswo - sogar in
New York - oft nach kurzer Zeit eingehen? Die Fragen beantworten sich gar nicht
so leicht; wie so oft im Leben, ist es nicht ein einziger Faktor, der
Einzigartiges entstehen und bestehen lässt. Die Mischung macht's! In Neuburg
kommen einige Umstände zusammen, deren Ganzes erfreulicherweise mehr ist als
die Summe seiner Teile: Zunächst einmal ist da ein Raum. Das Kellergewölbe der
1783 erbauten Hofapotheke bietet eine faszinierende Atmosphäre, die auch die
Musiker immer wieder begeistert. Moderne Musik im alten Gemäuer, das ist nicht
nur für die Jazzer aus der neuen Welt schon von vornherein ein reizvoller
Kontrast. Was viel wichtiger ist: Der Keller bietet eine hervorragende Akustik,
die Verstärker und technische Gimmicks fast immer überflüssig macht. Da kann
wirklich authentische Musik gespielt werden. Der Abstand zwischen Musikern und
Publikum geht gegen Null. So springt der Funke in den meisten Fällen
unmittelbar über. Das ist der zweite Faktor: die direkte Begeisterung, die
zwischen Akteuren und Zuhörern hin und her schwingt, sich nicht selten steigert
und emporhebt zu wirklich magischen Momenten, die nur in einer besonders intimen
Atmosphäre entstehen können und in großen Sälen nur schwerlich möglich
sind. Hinzu kommt: Das Publikum in Neuburg besteht aus echten Fans, die oft von
weit her angereist kommen, um ihre Lieblingsmusiker live zu erleben, die sie
respektieren und bewundern. Vor allem Musiker aus Übersee sind es kaum gewöhnt,
dass das Publikum nicht dazwischenredet, -bestellt, -prostet oder -prustet. So
genießen sie es besonders, dass im Birdland die Konzertetikette so gut wie
immer und von fast allen geachtet wird. Das hat natürlich Auswirkungen auf den
dritten Faktor: Musiker kommen gern nach Neuburg. Sie fühlen sich wohl, auch im
Umfeld, und so hat es sich in der Szene inzwischen weltweit herumgesprochen,
dass in einem kleinen Städtchen in Bayern auch für Musiker eine besondere
Atmosphäre herrscht, von der man eigentlich nur schwärmen kann. Das
erleichtert die Programmgestaltung, einem weiteren Faktor, der sicher wesentlich
zum Erfolg beiträgt. Das Programm des Birdland ist sehr offen und bietet immer
wieder echte Highlights für eigentlich jeden Jazzgeschmack. Old-Time Fans
kommen ebenso auf ihre Kosten wie die - eher wenigen, dafür um so
reisefreudigeren - Jünger der Avantgarde, Mainstream-Hörer ebenso wie
Abenteuerlustige, ältere Semester ebenso wie Jazzeinsteiger. Und das Programm
hatte es in sich in den letzten zehn Jahren, liest sich wie ein Who is Who des
Jazz. Darunter sind immer wieder Musiker, die seit langem nicht mehr in Clubs
auftreten, auch in den USA nicht, für das Birdland jedoch gern und oft von sich
aus eine Ausnahme machen. Die Liste der beteiligten Musiker aus der deutschen,
europäischen, weltweiten Spitzenklasse sprengt jede Zeilenvorgabe einer
Tageszeitung. Einige Namen seien dennoch genannt: aus der deutschen Szene z.B.
Klaus Doldinger, Heinz Sauer und Till Brönner, aus dem internationalen Bereich
Milt Jackson, Ahmad Jamal, Archie Shepp, Ray Brown, Art Farmer, Gerry Mulligan,
Lee Konitz, Tommy Flanagan, Joe Pass, Charlie Haden, Kenny Barron, John Scofield,
Michel Petrucciani und und und ... Etablierte Größen treten hier ebenso auf
wie die Rising Stars, und so manchen der Letzteren fand man wenig später in den
Charts wieder. Ein solches Niveau ist nur zu halten, weil mit dem 1.
Vorsitzenden Manfred Rehm ein Motor rackert und arbeitet, der den Club auf
Schwung hält, Verbindungen in die ganze Welt pflegt und nahezu seine komplette
Freizeit ehrenamtlich (!) dem Jazz widmet. Und nicht zuletzt die Sponsoren,
allen voran die Familie von Philipp, aber auch die Tatsache, dass die Stadt weiß,
was sie hier für ein einzigartiges Juwel hat, und dass sie dieses Juwel auch
pflegt, tragen dazu bei, dass das Birdland so lang auf einem derartigen Level
Bestand haben konnte. Wem das nun alles der Analyse zu viel ist, dem sei just
ans Herz gelegt, was Sigi Loch jüngst sagte, jener Plattenproduzent, der auch
in der Popbranche einen großen Namen hat: Das Birdland in Neuburg an der Donau
sei schlicht und einfach "der wahrscheinlich schönste Jazzclub
Deutschlands." |